Interview mit Reelika Raspel

Reelika ist eine sehr talentierte und inspirierende Fotografin, die ihre Leidenschaft langsam zu einer Karriere macht. Ich traf Reelika im Frühjahr 2018 während eines Surf & Yoga Retreats in Portugal. Sie wurde schnell eine enge Freundin und inspiriert mich täglich. Reelika wuchs ursprünglich in Estland auf. Sie folgte ihrem Herzen und verließ ihre Heimat, um in den Bergen zu leben. Aber es war nicht immer einfach. Hier erzählt sie ihre Geschichte darüber, wie sie zu ihrem heutigen Stand gekommen ist, wie sie Herausforderungen gemeistert hat und wo sie sich in der Zukunft sieht.

1. Wann wusstest du, dass du anders bist?

Als ich ungefähr 16 Jahre alt war, sagte ich zu meiner Mutter, dass ich ein Snowboard wollte (in Estland sehr ungewöhnlich, da es flach wie ein Pfannkuchen ist!) Und sie antwortete: "Liebe, normale Mädchen haben kein Snowboard".

2. Was war damals dein Traum?

Ich war sehr inspiriert von amerikanischen Schauspielern mit estnischen Wurzeln. Ich schaute mir Fernsehsendungen über Bergtouren an und hatte kurz darauf selbst die Vision in den Bergen zu leben und dort zu arbeiten. Ich wusste nicht, was ich tun wollte, war aber fasziniert von der wunderschönen Natur und der Atmosphäre der Menschen, die dort leben und arbeiten.

3. Welche Schritte hast du zuerst unternommen und mit welchen Entscheidungen warst du damals konfrontiert?

Ich wusste, dass ich nach dem Abitur eine Pause haben wollte, weil ich nicht wirklich an der Universität interessiert war. Kurz nachdem die Vision, in den Bergen zu arbeiten, zum ersten Mal auftauchte, wusste ich, dass ich eines Tages diesen Traum leben würde.

Kurz vor meinem Abitur habe ich zusammen mit meiner besten Freundin in ganz Europa und sogar in Nordamerika nach Jobs gesucht, um in den Bergen zu arbeiten. Wir haben mehr als 6 Monaten lang um Arbeitsplätze gekämpft. In der Zwischenzeit übte ich verschiedenen Berufe aus wie Erdbeerpflücken, Verkäuferin, Kellnerin usw. Am Ende des Herbstes (etwa im Oktober / November) hatte ich immer noch keine Arbeit gefunden und arbeitete in einem Sportgeschäft. Ich habe meinen Traum so ziemlich aufgegeben, weil ich gesehen hatte, wie andere Mädchen, die sich um Jobs beworben hatten auch keine bekamen (wie soll dann ausgerechnet ich einen finden!?). Ich dachte, wenn sie nicht einmal einen bekommen würden, wäre es für mich unmöglich, also gab ich irgendwie auf.

Aber nach hunderten von Bewerbungen hatte meine beste Freundin eine Zusage in der Hand, in der sie zwei Personen gleichzeitig aufnehmen würden. Es war ein Job in der französischen Schweiz - mitten in den Bergen. Wir haben in einem Kinder-Skicamp gearbeitet und die Zimmer gereinigt.

Die größte Entscheidung die ich treffen musste, war nicht zur Universität zu gehen. Obwohl meine Oma und mein Vater wollten, dass ich gehe, war ich mir meiner Entscheidung sehr sicher. Im Allgemeinen war meine ganze Familie sehr unterstützend.

4. Wie hat sich dein Leben danach verändert und wohin führte dich deine Geschichte?

Nun, nach diesem ersten Job in den französischen Alpen begann alles andere zu laufen.

Es lief jedoch nicht alles reibungslos und einfach. Nach dieser ersten Saison musste ich nach Estland zurückkehren, weil ich nicht mehr legal in der Schweiz arbeiten konnte. Ich fing an, Freizeit- und Erholungsmanagement zu studieren, arbeitete wieder im Sportgeschäft und organisierte verschiedene Veranstaltungen.

Gleich nach dem Abschluss flog ich für die Sommersaison nach Zypern und arbeitete als Kellnerin. Es war eine großartige Zeit mit viel Spaß und noch mehr schweißtreibenden Arbeitsschichten. Von dort aus habe ich nach dem Zufallsprinzip E-Mails an österreichische und schweizerische Gebirgsorte geschickt, um einen Job für den Winter zu bekommen. So habe ich in Laax GR (Schweiz) einen Job gefunden und den ganzen Winter lang Geschirr gespült.

Die folgende Sommersaison verbrachte ich in den USA, um wieder mit Kindern zu arbeiten. Nach meiner Rückkehr wusste ich, dass ich so schnell wie möglich Deutsch lernen musste, um einen besseren Job zu bekommen. Ich habe monatelang Gespräche anderer Leuten zugehört und Fernsehsendungen oder Radio gelauscht. Aber ich konnte kaum ein Wort sprechen. Ich beschloss, dass ich in der folgenden Saison Snowboard-Lehrerin werden wollte, und versprach mir, den ganzen Sommer über Deutsch zu lernen. Ich zog ganz alleine nach Andermatt (ein kleines Dorf in den Schweizer Bergen) und arbeitete als Kellnerin in einem kleinen, aber freundlichen Gasthaus. Ich ging absichtlich alleine dorthin, damit ich nicht in Versuchung kam Englisch zu sprechen. Als die neue Wintersaison endlich kam, hatte ich Schwierigkeiten Schweizerdeutsch zu verstehen, da ich bis dahin nur Hochdeutsch gesprochen hatte (aufgrund meiner Arbeitskollegin, welche Deutsche war).

Im Sommer war ich einmal mehr in den USA und kam für eine neue Wintersaison zurück, um als Snowboard-Lehrerin zu arbeiten. Im Verlaufe der letzten 6 Jahren blieb ich dann jeden Winter in Laax und lebte meinen Traum. Im Sommer arbeitete ich immer in der Gastronomie um Geld zu verdienen, im Winter unterrichte ich im Schnee! Es war toll.

Dies ist mein erstes Jahr, indem ich keine Wintersaison gemacht habe, aber ich fühle mich sehr gut. Ich bin viel gewachsen, habe eine Menge gelernt und bin froh, wohin es mich gebracht hat. Es gab mir das Vertrauen und das Selbstbewusstsein, meine Träume zu verfolgen und niemals aufzugeben. Wenn es um meine Ziele geht, träume ich groß. Der Himmel ist die Grenze - buchstäblich! Wenn du davon träumen kannst, kannst du es erreichen.

5. Vor welchen Herausforderungen stehst du aktuell?

Die Arbeit als Kellnerin im Stundenlohn und gleichzeitig Fotografie als Unternehmen zu testen, ist ziemlich herausfordernd. Ich bin vor ein paar Jahren zur Fotografie gekommen, als ich selbstgemachte Armbänder online verkaufte. Ich brauchte gute Fotos für Social Media und die Website, also fing ich an eigene Fotos zu machen.

Bezahlte Arbeitsstunden zu leisten und gleichzeitig Fotografie-Angebote zu bieten, ist ein echter Akt der Balance. Es hält mich definitiv auf Trapp. Zum Glück kann ich mit wenig Geld überleben.

6. Was motiviert und inspiriert dich?

  • Die Tatsache, dass jeder Tag eine neue Chance ist zu wachsen! Ich sehe die Herausforderungen, aber sie sind nicht überwältigend. Ich bin ständig am Rande meiner Komfortzone und das hält mich motiviert. Ich hasse Routine, weil sie Erwartungen mit sich bringt. Und Erwartungen ruinieren den Fluss.

  • Leute wie Peter McKinnen, Sorelle Amore und mich selbst. Die Vergangenheit hat mir gezeigt, dass alles möglich ist.

  • Bücher wie „Big Magic“, „Freundschaft mit Gott“ und „The subtle Art of not giving a f*ck“.

7. Wo siehst du dich in 5 Jahren?

Ich werde eine sehr erfolgreiche Freelancerin sein. Ich habe ein Einkommen aus mehreren Quellen wie Workshops, Fotografie und spiritueller Arbeit. Ich möchte junge Leute inspirieren und motivieren diese verdammten 500 E-Mails zu schreiben, um zu bekommen, was man will. Sei nicht mit weniger zufrieden als deinen verrücktesten Träumen!

Ich werde ein erfolgreiches Geschäft mit Ladina als Partnerin führen, bei dem wir coole Projekte durchführen werden. Ich möchte helfen, mit Menschen in Kontakt treten und sie aus ihrer Komfortzone herausholen. Es gibt so viel mehr im Leben und die Menschen müssen das selbst wissen und glauben. Geld ist immer da und wird immer irgendwie kommen. Die eigenen Träume jedoch erfüllt einem niemand anderer.

8. Wo siehst du dich in 10 Jahren?

Ich werde mit meiner Karriere immer noch sehr erfolgreich sein, aber bis dahin habe ich eine gute Balance zwischen Arbeit und Familienzeit gefunden. Ich habe ein Haus mit Garten und Wald.

Alles was ich mache, möchte ich tun - es ist meine verdammte Wahl!

Reelika ist fantastisch, wenn es darum geht, wunderschöne Fotos zu machen und besondere Momente festzuhalten. Mit ihrer Entschlossenheit und ihrem festen Glauben an sich hat sie schon viel erreicht und ich bin sicher, dass sie dadurch stets erfolgreicher wird. Genauso wie Reelika pflege auch ich ein großer Glaube an das Gesetz der Anziehungskraft und die Fähigkeit unserer eigenen Gedanken. "Wenn du es träumen kannst, kannst du es tun".

Danke Reelika für deine inspirierende Geschichte.